Essstörungen und digitale Medien

Veröffentlicht am 12. Jänner 2026 um 12:31

Essstörungen und Körperbild.
Wie digitale Medien unsere Beziehung zum eigenen Körper beeinflussen

Essstörungen entwickeln sich selten plötzlich. Sie entstehen meist über einen längeren Zeitraum und sind eingebettet in persönliche Lebensgeschichten, Beziehungserfahrungen und gesellschaftliche Vorstellungen davon, wie ein Körper auszusehen hat. In meiner psychotherapeutischen Arbeit zeigt sich immer wieder, dass Essstörungen weit über das Thema Essen hinausgehen. Sie sind Ausdruck innerer Spannungen und häufig verbunden mit Fragen nach Selbstwert Kontrolle Zugehörigkeit und Sichtbarkeit.

Das Körperbild eines Menschen formt sich früh. Bereits in der Kindheit entsteht es im Kontakt mit Bezugspersonen durch Blick, Resonanz und Berührung. Später wird dieses innere Bild stark durch soziale Vergleiche geprägt. Heute übernehmen digitale Medien eine zentrale Rolle in diesem Prozess. Soziale Netzwerke vermitteln ununterbrochen Bilder von Körpern die scheinbar gesund diszipliniert attraktiv und optimiert sind. Diese Darstellungen wirken oft subtil und nachhaltig auf das eigene Körpererleben.

Auch wenn vielen Menschen bewusst ist, dass Fotos bearbeitet, Filter eingesetzt und nur ausgewählte Momente gezeigt werden, entfalten diese Bilder dennoch eine emotionale Wirkung. Das Gehirn unterscheidet nicht zuverlässig zwischen Realität und digitaler Inszenierung. Der ständige Vergleich kann Gefühle von Unzulänglichkeit Scham und innerem Druck verstärken. Besonders Menschen mit einem vulnerablen Selbstwert oder einer bestehenden Essstörung reagieren sensibel auf diese Reize.

Essstörungen wie Anorexie Bulimie oder Binge Eating erfüllen häufig eine regulierende Funktion. Sie helfen kurzfristig mit überwältigenden Gefühlen umzugehen oder ein Gefühl von Kontrolle herzustellen. Digitale Medien können diesen Mechanismus verstärken indem sie bestimmte Körperideale permanent verfügbar machen und bewerten. Likes Kommentare und Reichweite wirken wie eine äußere Rückmeldung die sich tief in das innere Erleben einschreibt. Der eigene Körper wird dabei zunehmend zum Projekt das optimiert und kontrolliert werden soll.

Ein gestörtes Körperbild entsteht jedoch nicht allein durch soziale Medien. Sie verstärken vielmehr bestehende innere Glaubenssätze, etwa nicht gut genug zu sein zu viel zu sein, oder nur dann wertvoll zu sein, wenn bestimmte äußere Kriterien erfüllt werden. In der therapeutischen Arbeit geht es daher nicht darum soziale Medien pauschal zu verteufeln, sondern ihren Einfluss bewusst zu reflektieren und in einen gesünderen Umgang zu bringen.

Ein erster wichtiger Schritt ist Selbstbeobachtung: Welche Inhalte konsumiere ich regelmäßig und wie fühle ich mich danach angespannt, beschämt motiviert oder innerlich leer. Der Körper reagiert oft schneller als der Verstand. Wenn bestimmte Accounts wiederholt Vergleichsdruck oder Unruhe auslösen ist es ein Akt der Selbstfürsorge diese Inhalte zu reduzieren oder bewusst auszusortieren.

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Entkopplung von Körper und Selbstwert. Der Körper ist kein Maßstab für Disziplin Moral oder Erfolg. Er ist ein lebendiges System, das auf Stress hormonelle Veränderungen Beziehungserfahrungen und Lebensphasen reagiert. Ein gesundes Körperbild bedeutet nich,  den eigenen Körper ständig zu mögen sondern ihm mit Respekt und Mitgefühl zu begegnen auch an schwierigen Tagen.

Hilfreich kann es sein, den Fokus vom äußeren Erscheinungsbild hin zu Körperwahrnehmung und Funktion zu verschieben. Achtsame Bewegung das Spüren von Hunger und Sättigung oder das bewusste Wahrnehmen von Körperempfindungen unterstützen einen freundlicheren Kontakt zum eigenen Körper. Dieser Zugang ist besonders wichtig in der Behandlung von Essstörungen da er den Körper wieder als Verbündeten erfahrbar macht.

Auch bewusste Pausen von digitalen Medien können entlastend wirken-nicht im Sinne eines Verbots, sondern als Einladung zur Unterbrechung. Viele Menschen berichten, dass erst in diesen Momenten deutlich wird, wie sehr sie unter permanentem Vergleich und Reizüberflutung stehen. Weniger Input schafft Raum für Selbstwahrnehmung emotionale Regulation und innere Ruhe.

Essstörungen sind keine persönliche Schwäche und kein Zeichen mangelnder Willenskraft. Sie sind Ausdruck eines inneren Ungleichgewichts das verstanden werden will.

 

Therapeutische Begleitung kann dabei helfen die tieferliegenden Ursachen zu erforschen, neue Wege der Emotionsregulation zu entwickeln und eine stabilere Beziehung zum eigenen Körper aufzubauen. Heilung bedeutet nicht, Kontrolle zu perfektionieren, sondern Beziehung zu ermöglichen zu sich selbst, zum eigenen Körper und zu den eigenen Bedürfnissen.